Meerschaumpfeifen - Genießen Sie ihre Vorzüge ohne Erfurcht...

Von Otto Pollner

Schon immer galten Meerschaumpfeifen als besonders edle Rauchgeräte. Ein Statussymbol, wie im 19. Jahrhundert, ist die "Weiße Göttin" allerdings nicht mehr. Zutreffend ist dieser Ehrenname nur für ein neues, unbenutztes Exemplar, denn nach dem Anrauchen beginnt langsam, aber sicher ein Verfärbungsprozess, der aus der weißen allmählich eine gelbe bis rötlich-braune "Göttin" macht. Mir persönlich gefällt diese Bezeichnung insofern nicht, weil durch zu viel Ehrerbietung die Volkstümlichkeit    leidet. "So etwas Vornehmes ist doch nichts für alle Tage", meinen darum viele. Diese  Meinung  hat der Verbreitung der Meerschaumpfeife sehr geschadet! 

Die meisten  Leser dieses Beitrages werden sicher noch keine Meerschaumpfeife geraucht haben. Nicht nur der Name "Weiße Göttin", sondern auch das ungewöhnliche Aussehen sind bei vielen Rauchern beim Kauf eine Hemmschwelle. Auch gilt es, gewisse Vorurteile abzubauen:

1. Der angeblich hohe Preis - stimmt nicht, denn eine gute Meerschaumpfeife ist billiger als eine Bruyère-Luxuspfeife.

2. Sie ist bruchempfindlich - die heutigen Produkte sind relativ stabil, im Gegensatz zur Bruyèrepfeife ist aber eine Meerschaumpfeife von Anfang an feuerfest.

3. Sie raucht sich schwer an - auch das stimmt nicht, das Anrauchen ist problemlos, im Grunde genommen nicht viel anders als bei einer Bruyèrepfeife.

Obwohl alles viel einfacher ist, als man glaubt, weiß ich aus langjähriger Erfahrung, daß aus Unkenntnis auf Grund fehlender Beratung leicht einige typische Fehler gemacht werden. Im Rahmen dieses Beitrages will ich versuchen, vorhandene Wissenslücken zu schließen. Meerschaum ist ein wasserhaltiges Magnesium-Silicat und wird aus einer Tiefe von 20 - 80m bergmännisch gefördert. Der bester Rohstoff kommt aus Anatolien (Türkei) unweit der Stadt Eskesehir.

Wissenswertes über Meerschaum

Über die Entstehung des Minerals gibt es mehrere Theorien, Mineralogen gehen davon aus, daß es ein Verwitterungsprodukt des Serpentinits ist, wissenschaftliche Beweise gibt es indes nicht. Auch der Ursprung des Namens ist unklar, man nimmt an, daß er von der levantinischen Handelsbezeichnung "Mertschcavon" abgeleitet wurde. Mit dem Schaum des Meeres stimmt höchstens die Farbe überein.

Die geförderten Meerschaumknollen sind nach dem Trocknungsprozeß sehr leicht und absorptionsfähig und deshalb ein idealer Rohstoff für Pfeifenköpfe. Das Material ist von unterschiedlicher Härte, nur das beste wird für die Pfeifenherstellung verwendet. Seit einigen Jahren wird auch in Tansania Meerschaum gefördert. Das erdgeschichtlich jüngere Material ist mit dem türkischen Meerschaum nicht vergleichbar. Es wird für preiswerte Pfeifen verarbeitet und mit kalzinierter oder rustizierter Oberfläche in den Handel gebracht. Sie brauchen deshalb nicht besonders angeraucht werden. Sie sind wegen ihrer Problemlosigkeit auch als Beginnerpfeifen geeignet. Hier und dort werden auch noch die sogenannten Massa-Meerschaumpfeifen angeboten. Dies gegossene Material wird aus den Abfällen des echten Meerschaums hergestellt, seit einigen Jahren nun auch ohne Bindemittel. Massapfeifen rauchen sich nicht ganz so gut an und sind etwas schwerer als die echten.

Calabashpfeifen und Bruyèrepfeifen mit Meerschaumeinsätzen sind zwar brauchbare Rauchgeräte, aber im eigentlichen Sinne keine Meerschaumpfeifen. Sie brauchen nicht besonders eingeraucht zu werden.

Herstellung - alles reine Handarbeit

Meerschaumpfeifen werden grundsätzlich in reiner Handarbeit hergestellt. Die zahlreichen Arbeitsgänge wie das Schnitzen, Drehen, Feilen, Bohren und Schleifen erfordert viel Zeit und kann nur von hochqualifizierten Fachleuten ausgeführt werden. Pfeifenköpfe mit kleinen Fehlern an der Oberfläche werden so verziert, daß der Mangel nicht in Erscheinung tritt. Sie haben bei wesentlich günstigerem Preis die gleich guten Raucheigenschaften wie die glatten, außerdem ist der Kühleffekt durch die vergrößerte Oberfläche besser. Für einen ersten Versuch sind die sogenannten "Durchbruchpfeifen" gut geeignet. Nachdem die Pfeifen in mehreren Arbeitsgängen gründlich geschliffen wurden, kommen sie in ein Wachsbad. Sie erhalten durch diese Maßnahme die richtige Kondition, werden hochpolierfähig und nehmen beim Anrauchen schneller die gewünschte Brauntönung an. Jede Meerschaumpfeife ist ein Unikat und erhält ein Handcut-Mundstück aus Preßbernstein oder einem geeigneten Kunststoff.

Warum sie langsam angeraucht werden soll

Das Anrauchen dient nicht wie bei der Bruyèrepfeife zur Krustenbildung im Tabakraum - eine Meerschaumpfeife ist ja bereits feuerfest, eine Kohlekruste soll sich gar nicht bilden, Ansätze dazu sollte man gleich entfernen. Das Anrauchen, also die Empfehlung zum langsamen Rauchen, hat einen anderen Grund. Bei zu hohen Rauchtemperaturen würde das im Pfeifenkopf eingebrachte Wachs zu stark erwärmen und zum Pfeifenboden sinken. Eine gleichmäßige Verfärbung wird dadurch verhindert, vielmehr bräunt sich nur der Holm. Der Kopf bleibt dort, wo die größte Hitze entsteht, zunächst hell und der Verfärbungsprozeß verzögert sich erheblich. Im allgemeinen wird empfohlen, um Kratzer zu vermeiden, die Meerschaumpfeife beim Anrauchen nicht am Kopf anzufassen, Fingerabdrücke entstehen nach meiner Erfahrung nicht. Die folgende Empfehlung basiert auf den Versuchen eines Kunden, der meinen Rat, möglichst kühl zu rauchen, sehr ernst genommen hat. Er hält den Kopf während der Einrauchphase mit der Hand umschlungen, um die Temperatur ständig unter Kontrolle zu haben. Zusätzlich erreicht man dabei eine gleichmäßige Wärmeverteilung über die ganze Oberfläche. Ehe die Kondensate später eine Verfärbung von innen bewirken können, entsteht durch dieses Verfahren eine schöne, leichte braun-rote Tönung, die durch den im Meerschaum eingebrachten Wachs entsteht. Ich habe die Einrauchtechnik mit Erfolg getestet, kann sie empfehlen und als Tipp weitergeben. Vorher aber bitte die Hände waschen und scharfkantige Fingerringe entfernen! Wegen der guten Absorptionsfähigkeit des Materials lassen sich Meerschaumpfeifen leicht zu Ende rauchen. Diese Fähigkeit verlieren sie jedoch, wenn der Tabakraum nach beendetem Rauchgenuss nicht sorgfältig ausgeräumt wird. Die Maßnahme ist zum Austrocknen des Kopfes ebenso wichtig, wie das Entfernen eventuell benutzter Filterpatronen. Zum Anrauchen ist es wichtig, nicht zu trockenen Tabak zu verwenden.

Tips für die Behandlung und Pflege

Meerschaumpfeifen sind heute wesentlich stabiler und in der Handhabung problemloser als früher. Holmbrüche, die durch falsches Herausdrehen des Mundstücks vorkommen konnten, gehören der Vergangenheit an, seitdem man die Gewindezapfen durch die praktischen, bruchfesten Teflonzapfen ersetzt hat. Bei modernen Meerschaumpfeifen soll man deshalb auch, wie bei anderen Pfeifen, das Mundstück im Uhrzeigersinn hinein- und herausdrehen. Trotz dieser Verbesserung bleibt die Meerschaumpfeife ein zerbrechlicher Gegenstand, sie wird deshalb immer im Etui geliefert. Wichtig ist die Sauberhaltung des Etuis, Aschenreste und Tabakkrümel beschädigen leicht die weiche Oberfläche. Während der Ruhepause soll sie nicht im geschlossenen Etui liegen, ein Austrocknen wäre sonst unmöglich. Zur guten Behandlung der Meerschaumpfeife gehört in erster Linie, daß man sie nicht nur an hohen Feiertagen raucht, sondern regelmäßig benutzt, ohne sie zu überfordern. Das bedeutet konkret, nicht mehr als drei- bis viermal pro Woche. Zur Pflege des Rauchkanals benutzt man nur weiche Pfeifenputzer; besonders bei gebogenen Holmen, wo das Loch nicht gerade, sondern parallel zur Außenkante verläuft, können harte Bürsten oder Metallstifte das Bohrloch beschädigen. Reinigungsflüssigkeiten nur für die Mundstücksrauchkanäle benutzen ! Die Oberfläche des Kopfes wird ein- bis zweimal monatlich feucht abgerieben, bei Bedarf mit Seifenwasser, und mit einem weichen Tuch nachpoliert. Reinigungs- und Schleifarbeiten mit anderen Mitteln, wie Schachtelhalm, Bimsmehl und Wiener Kalk sollte man nur Fachleuten überlassen. Kohlekruste im Tabakraum entfernt man am besten mit feinem Schleifpapier (100er Körnung), das man über einen passenden Rundstab zieht. Dasselbe gilt für die Calabashpfeife, auch bei ihr soll sich keine Kruste im Tabakraum bilden, Ansätze auch hier mit Schleifpapier entfernen. Die Unterseite des Meerschaumeinsatzes muß ebenso wie das Innere des Fruchtkörpers, von Zeit zu Zeit mit reinem Alkohol gereinigt werden. Bei allen Meerschaumpfeifen werden die Mundstücke genauso gereinigt, wie bei Bruyèrepfeifen, das heißt, den Rauchkanal jedes Mal mit den weichen Pfeifenputzern trockenlegen und von Zeit zu Zeit etwas Alkohol verwenden. Weil Meerschaumpfeifen grundsätzlich nicht mit Ebonitmundstücken (Kautschuk) ausgerüstet werden, ist eine äußere Reinigung problemlos.

 

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